Der Nachfolgeprozess hätte ruhig etwas länger dauern dürfen

Carola Zarth ist Unternehmerin in dritter Generation. Die Auto-Elektrik G. Holtz & Co. KG übernahm sie von ihrem Vater, der wiederum von seinem. Im Juli erhielt sie den zweiten Preis bei der Wahl zur Berliner Unternehmerin des Jahres. Im Interview mit Fredelia berichtet Sie von ihrer wichtigsten Neuerung als junge Nachfolgerin und welchen Rat sie Seniorunternehmern geben möchte.

Starker Zusammenhalt: alle Mitarbeiter der Auto-Elektrik G. Holtz & Co. KG haben im Unternehmen gelernt oder eine Umschulung gemacht.

Starker Zusammenhalt: alle Mitarbeiter der Auto-Elektrik G. Holtz & Co. KG haben im Unternehmen gelernt oder eine Umschulung gemacht.

Frau Zarth, ihr Unternehmen hat eine lange Familientradition. Sie sind sie erste Frau an der Spitze. War das für Sie zu irgendeinem Zeitpunkt problematisch?

Carola Zarth: Als ich 1984 hier angefangen habe, waren die Kunden noch ein stückweit anders. Da ist es häufig passiert, dass man in der Kundendienstannahme das Auto entgegen nehmen wollte und überm Kopf hinweg geguckt wurde: wo ist denn der Meister. Das ist eine Sache, die sich in den letzten 10 bis 15 Jahren stark verändert hat. Das ist auch nicht bezogen auf eine Generation. Es sind genauso die älteren Herren, die das nicht mehr ungewöhnlich finden, wenn da eine Frau sitzt, wie auch die Jüngeren.

Dazu haben Sie ja sicher auch maßgeblich beigetragen.

Carola Zarth: Es gibt ja auch noch andere Frauen im Unternehmen. Ich bin sicher den Kunden über viele Jahre bekannt. Aber auch meine weiblichen Mitarbeiter haben da deutlich weniger Probleme als früher.

Wie war der Übergabeprozess zwischen Ihnen und Ihrem Vater gestaltet? War es von Anfang an klar, dass Sie das machen?

Carola Zarth: Ich habe tatsächlich mit 14 Jahren hier in der Firma ein Schulpraktikum gemacht und mir hat das so gut gefallen, dass ich wusste, ich will das machen. Allerdings bin ich nicht das Mädchen gewesen, dass gesagt hat, ich will in der Werkstatt stehen und schrauben. Da habe ich auch heute keine Lust drauf. Ich mochte den Umgang mit den Kunden und den Mitarbeitern. Dass das jetzt zufällig eine KFZ-Werkstatt war, das hat sich halt so ergeben.

Sie waren also eher am Unternehmersein an sich interessiert?

Carola Zarth: So ist es.

Und wie lange würden Sie sagen, hat der ganze Nachfolgeprozess gedauert?

Carola Zarth: Der hätte theoretisch länger dauern dürfen und sollen. Mein Vater ist aber 1993 an Krebs gestorben. Insofern ging das dann alles sehr schnell. Ich bin 1984 ins Unternehmen eingetreten und 1989 hat mir mein Vater Anteile überschrieben und mich in die Geschäftsleitung übernommen.

Das war also der erste Schritt, dass ich mir die Firma als Angestellte angeschaut habe – nach der Ausbildung, die ich woanders gemacht habe. Das würde ich auch jedem raten. Das halte ich für ganz schlecht, wenn die Kinder im eigenen Unternehmen ausgebildet werden.

1991 ist mein Vater dann erkrankt und 1993 gestorben. Das war also ein Prozess, der noch ein bisschen langsamer hätte sein können.

Dass man das noch ein paar Jahre nebeneinander hätte machen können?

Carola Zarth: Genau. Ich war 28 als mein Vater gestorben ist und wenn man so einen Betrieb übernimmt, der über Jahrzehnte besteht und dann noch in so einer Männerdomäne, dann ist es doch schwierig, sage ich mal. Wenn man noch unter 30 ist, dann muss man sich da auch ganz schön durchbeißen.

Aber gab es denn andere Personen, die vielleicht schon lange im Unternehmen waren, die Sie dann ein bisschen an die Hand nehmen konnten?

Carola Zarth: Eher das Gegenteil war der Fall. Und mein Vater hatte das so ein bisschen voraus gesehen, dass die älteren Mitarbeiter, die mich von Kindesbeinen kannten, zu meinem Problem werden würden. Es gab zwei Mitarbeiter, die waren schon über 30 Jahre im Unternehmen, und das waren die, die dann am problematischsten waren. Den einen musste ich entlassen, weil er gar nicht mehr gearbeitet hat, sondern sich nur noch durch den Tag geschummelt hat. Und den zweiten musste ich entlassen, weil er mich beklaut hat, während ich mit meinem Mann – ich war dann schon verheiratet – im Urlaub war.

Sind die mit der neuen Autorität nicht klar gekommen? Eine junge Frau, von der Sie sich jetzt etwas sagen lassen sollen?

Carola Zarth: Ja irgendwie so muss es gewesen sein. Aber ich sage mal, die eigene Liebe zu den Menschen, die leidet schon sehr darunter, wenn man von jemandem beklaut wird, der einen schon von Kindesbeinen an kennt. Die menschliche Enttäuschung ist da der größte Faktor. Aber in der Situation, in der wir dann waren, habe ich auch festgestellt, wie die anderen Mitarbeiter hundertprozentig hinter mir standen und Überstunden ohne Ende geleistet haben. Das war damals vorm Arbeitsgericht nämlich relativ schwierig, weil der Richter der Meinung war, der Mitarbeiter hat sich ja vorher nichts zu Schulden kommen lassen – das war natürlich nicht klar, aber in diesem Urlaub ist es das erste Mal aufgefallen – also müssen wir ihn noch 7 Monate weiter bezahlen bei gleichzeitiger Freistellung. Zwei Mitarbeiter von damals sind auch heute noch hier und wir sind sehr eng zusammengewachsen.

Also hat der Vorfall auch etwas Gutes gehabt?

Carola Zarth: Ja, so gesehen hatte es auch etwas Positives.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie denn?

Carola Zarth: Wir sind zu acht. Und das sind alles Mitarbeiter, die entweder im Unternehmen gelernt haben oder eine Umschulung hier gemacht hat. Es ist niemand hier, der nicht in irgendeiner Form hier gelernt hat.

Hatten Sie zu irgendeiner Zeit Zweifel, dass Sie den Betrieb übernehmen wollen?

Carola Zarth: Nein, gar nicht. Natürlich hat man immer wieder schwarze Stunden, vor allem in der Anfangszeit, als ich noch sehr jung war. Da habe ich immer wieder gezweifelt, ob Entscheidungen richtig sind. Und dann hadert man natürlich damit, wenn man durch so eine Todesfallsituation niemanden hat, mit dem man sich absprechen kann. Aber gezweifelt habe ich nicht.

Und als es dann schneller losging als Ihnen ja lieb war, haben Sie viel verändert in dem Unternehmen?

Carola Zarth: Verändert habe ich mit meinem Eintritt ins Unternehmen, also nach meiner Ausbildung, sehr viel. Mein Vater hat mir freie Hand gelassen – wir waren sehr eng – und so haben wir 84 unseren allerersten Computer angeschafft. Und mein Vater hat bis zu seinem Tod nur eine einzige Tastenkombination beherrscht, mit der er Preise aus dem Computer rausholen konnte, um mit dem Kunden ein Verkaufsgespräch zu führen.

Das war sicher eine sehr sinnvolle Veränderung!

Carola Zarth: Ja und eine sehr einschneidende für alle Mitarbeiter (lacht). Es war ein toller Vertrauensbeweis.

Gibt es etwas, das Sie Nachfolgerinnen und Nachfolgern dringend empfehlen würden?

Carola Zarth: Wenn es Kinder sind, auf keinen Fall im Unternehmen lernen, was ich ja bereits sagte. Ansonsten von der anderen Seite her. Ich habe ja einen Bosch-Service und das ist eine Organisation mit etwa tausend Betrieben deutschlandweit. Und da habe ich oft festgestellt, dass die älteren Unternehmer ihre Nachfolger nicht ranlassen. Und immer wieder dazwischen funken. Zwar sagen, ich will dir das Unternehmen ja übergeben, aber selber den Sitz nicht räumen und die jungen Leute nicht machen lassen.

Natürlich kommen Fehler und natürlich kann das auch mal Konsequenzen für die Firma haben, aber irgendwann muss man auch mal den Staffelstab übergeben und machen lassen. Ich habe neulich mit einem Kollegen gesprochen, der etwa Ende 40 ist und immer noch mit seinem Vater auf irgendwelche Versammlungen geht, obwohl der Vater schon über 80 ist. Und der kann einfach nicht abgeben.

Der Vater?

Carola Zarth: Genau. Und der ist auch noch jeden Tag im Unternehmen. Und ich stelle fest, dass man das oft bei dieser Vater-Sohn-Konstellation so ist.

Also eher eine Empfehlung an die Seniorunternehmer als an die Nachfolger?

Carola Zarth: Im Grunde ja. Zumindest sollte man schauen, wenn man über die Nachfolge redet, dass man auch einen Zeitplan macht, der nicht nur Bankgespräche etc. umfasst, sondern eben auch so etwas. Dass man einen Zeitpunkt festlegt, zu dem der Senior dann auch wirklich seinen Stuhl räumt.

Und in die wohlverdiente Rente geht. Bei Ihnen ist das ja noch eine Weile hin, aber denken Sie schon über Ihre eigene Nachfolge nach?

Carola Zarth: Es wird Keine geben. Meine Tochter hat ganz andere Pläne, die hat gerade Abitur gemacht und wird Pädagogik studieren. Wir werden den Betrieb wohl aufgeben und ich bin da relativ schmerzfrei. Ich denke so etwas muss auch passen. Es ist jetzt auch kein Job, wo man Millionen mit verdient. Und wenn man da seine persönliche Befriedigung drin gefunden hat, muss das nicht heißen, dass der nächste das auch hat.

Das stimmt, aber manchmal findet sich aus dem Kreis der Mitarbeiter jemand.

Carola Zarth: Also wenn sich so etwas ergibt, dann kann man darüber sprechen, aber aus der eigenen Familie eben nicht.

Dann habe ich noch eine abschließende Frage. Sie sind ja kürzlich als Berlins Unternehmerin des Jahres auf den zweiten Platz gewählt worden. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Carola Zarth: Auf jeden Fall über den Tellerrand schauen. Und sich Netzwerke suchen, wie zum Beispiel diesen Unternehmerinnentag. Ich selbst habe ja in Berlin 1991 die Unternehmerfrauen im Handwerk gegründet und war auch 16 Jahre Vorsitzende. Sich Gleichgesinnte zu suchen halte ich für sehr wichtig. Und eben auch selber zu gucken, dass man versucht, über den eigenen Betrieb hinaus sich weiterzuentwickeln und sich immer wieder mit anderen auszutauschen.

Dass man es nicht Einzelkämpfer versucht.

Carola Zarth: Ja, ich selber mache ja da sehr viel – manch einer sagt zu viel, ich bin ja auch in der Handwerkskammer sehr aktiv – aber für mich ist das auch der Ausgleich. Andere gehen abends joggen und ich finde es sehr interessant, mich innerhalb des Handwerks mit anderen Gewerken zu beschäftigen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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