Übernahme statt Neugründung

Wer sich mit dem Gedanken der Selbständigkeit trägt, sollte lieber ein bestehendes Unternehmen kaufen, anstatt ganz von vorn zu beginnen. Diesen Tipp erhielt man gleich mehrfach  beim Expertinnengespräch  in der Gründerinnenzentrale Berlin zum Aktionstag „Unternehmensnachfolge durch Frauen“ am vergangenen Donnerstag. Dabei ist es gerade für Frauen nicht immer leicht, andere davon zu überzeugen, dass sie die richtige Nachfolgerin sind.

Am 13. Juni 2013 rief die bundesweite Gründerinnenagentur (bga) zum Nationalen Aktionstag „Unternehmensnachfolge durch Frauen“ auf.  Im gesamten Bundesgebiet fanden Veranstaltungen statt, auf denen sich interessierte Frauen über den Kauf eines Unternehmens informieren konnten. Unternehmerinnen, die ihr Geschäft übergeben möchten oder bereits eine erfolgreiche Übernahme hinter sich haben, teilten ihre Erfahrungen mit und gaben Tipps, worauf man achten sollte, wenn man eine Firma kauft oder verkauft. Ziel des Aktionstages, der bereits zum fünften Mal stattfand, ist es, die vielen hochqualifizierten Frauen, die es Deutschland gibt, zu ermutigen ihre eigene Chefin zu werden.

Auch in der Berliner Gründerinnenzentrale wurde zu diesem Thema diskutiert. Die Bilanz der Hauptstadt sieht in puncto Unternehmensübernahme besser aus als anderswo, sagt Jana Pintz von der IHK Berlin*. Dennoch haben auch in der Metropole viele Unternehmen Probleme, die geeignete Nachfolgerin bzw. Nachfolger zu finden. Vor allem Frauen sind stark unterrepräsentiert bei der Übernahme bestehender Betriebe. So wie überall, wenn es um Führungspositionen geht. Selbst wenn sie sich für den Weg in die Selbständigkeit entscheiden, denken Frauen selten darüber nach, einen Betrieb zu übernehmen. Nicht einmal dann, wenn dieser im Familienbesitz ist. Frau Dr. Andrea Schirmacher von der Gründerinnenzentrale berichtet von einer jungen Frau, die sich zum Thema Existenzgründung beraten ließ – ein Kindercafé war die Idee. An die Übernahme der väterlichen Tütenfabrik hat sie im Traum nicht gedacht. Und der Vater auch nicht.

Frauen wird zu wenig zugetraut

Entscheidet man sich als Frau jedoch dafür, ein Unternehmen zu kaufen – womöglich eine Firma mit langer Tradition, mehreren Mitarbeitern, in einer „frauenuntypischen“ Branche – kann es selten sofort los gehen. Die Inhaberin einer Druckerei, die vor einigen Jahren genau diesen Entschluss gefasst hat, erinnert sich, dass viele Firmenbesitzer nicht an sie verkaufen wollten. Man hat es ihr als Frau einfach nicht zugetraut. Neugründung kam für sie nach jahrelanger Berufserfahrung im Vertrieb und anderen Unternehmensbereichen nicht in Frage. Also hat sie weitergesucht. Heute ist sie mit ihrem Unternehmen erfolgreicher als so mancher Mann in der Branche. Ein wenig Durchhaltevermögen gehört eben dazu. Zu ihrem Erfolgsrezept gehört es, sich regelmäßig Berater ins Haus zu holen, da man im Tagesgeschäft manchmal den Blick dafür verliert, was besser laufen könnte. Und gute Personalentscheidungen zu treffen – auch wenn das oft schwierig ist.

Nachfolgerinnen ersparen sich viele Anfangsschwierigkeiten

Die Besitzerin eines Dekorationsgeschäftes mit angeschlossenem Café steht auf der anderen Seite. Sie möchte ihr Unternehmen in naher Zukunft abgeben  – an eine Frau. „Es ist ein Frauengeschäft“, sagt sie, da auch ein Großteil ihrer Kunden weiblich ist. Obwohl ihr Geschäft von Anfang an gut lief, empfand sie die Existenzgründung als schwierig. Daher empfiehlt sie allen, ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen. „Meine Nachfolgerin muss die ganzen Fehler nicht mehr machen, die ich gemacht habe“, begründet sie ihren Rat. Auch die Beziehung zu den Lieferanten, die sie mühsam aufgebaut hat, ist ein enormer Vorteil. „Meine Nachfolgerin kann nun auch Ware für 25 Euro nachbestellen.“ Als sie als Gründerin das erste Mal Ware orderte, betrug der Mindestbestellwert 2500 Euro. Man geht ein großes Risiko ein, die Ware nicht los zu werden – und hat ein Platzproblem. Der mittlerweile 5 Mitarbeiter beschäftigende Betrieb ist komplett eingerichtet, liefert einen großen Kundenstamm mit und hat ein gutgehendes Veranstaltungsgeschäft aufgebaut. Bei einer Neugründung braucht man viele Jahre, um an den diesen Punkt zu gelangen. Wenn man es überhaupt schafft.

*edit 18.09.2014: Der Link ist inzwischen leider nicht mehr verfügbar.

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