Das gefährliche Spiel mit der Zeit

Wie viel Spielraum und Freiheit im Handeln ein Unternehmen noch hat, wenn er ein spezielles Alter erreicht.

Die folgende Einschätzung der Situation bei einer Unternehmensübergabe stützt sich auf Theorien, die im Buch „Unternehmensnachfolge im Familienbetrieb“ von Prof. Dr. Valentin Schackmann beschrieben wurden. Der studierte Volkswirt ist Professor für Betriebswirtschaftslehre. Seit mehr als 20 Jahren ist er in der Managementaus- und -weiterbildung tätig. Seit der Jahrtausendwende berät er kleine und mittelständische Unternehmen zu betriebswirtschaftlichen Belangen. Davor arbeitete er sechs Jahre als kaufmännischer Geschäftsführer in einem mittelständischen Unternehmen. Aus dieser Tätigkeit heraus gewann er die in seinem Buch niedergelegten Kenntnisse.

Mit 50 Jahren:

In diesem Alter sehen sich die wenigsten Firmeninhaber gezwungen, über eine Nachfolgeregelung nachzudenken. Denn 50 bedeutet für die meisten „best age“, heißt auf dem Höhepunkt des Wissens und der Erfahrung angekommen. Die Altersvorsorge sollte jedoch für einen Selbstständigen schon zur geistigen Debatte stehen. Allein Banken könnten im Falle einer Kreditvergabe daran interessiert sein, eine Unternehmensbewertung vorzunehmen. Hierbei wird unter anderem die Rentabilität des Unternehmens ermittelt und eine Feststellung eines möglichen Verkaufspreises vorgenommen. Die Absicherung des Kreditinstitutes kann demnach schon einmal als grober Umriss für eine spätere Übernahme dienlich sein.

Mit 55 Jahren:

Geschäftspartner lassen jetzt hin und wieder im Gespräch das Thema der Unternehmensnachfolge fallen. Doch richtig ernst möchte es noch keiner ansprechen. Da der Firmenchef sich noch zu jung fühlt und wenig übers Abdanken sinniert. Die Möglichkeit der langfristigen Vorbereitung ist eingeschränkter und aufwendige Korrekturen nicht mehr möglich.

Mit 60 Jahren:

Wer an familieninterne Nachfolge denkt, der sollte spätestens jetzt den Kindern klar machen, dass das Unternehmen in Zukunft ihnen gehören könnte. Doch meistens ist der Zug in diesem Alter schon abfahren und die Kinder studieren in einem völlig anderen Bereich oder richten sich ihr Leben, ohne einen Gedanken an den elterlichen Betrieb, ein. Falls die Kinder jedoch bereit sind, dass Unternehmen weiter zu führen, sollte in dieser Phase die Einführung in den Arbeitsalltag auf Hochdruck erfolgen. Es passiert bei der Einarbeitung immer wieder, dass Kinder sich der Aufgabe nicht mehr gewachsen fühlen und die externe Nachfolge muss doch angestrebt werden. Die Kunden, Firmenbetreuer und Mitarbeiter werden auf jeden Fall nun deutlich nach einer Regelung verlangen und Druck ausüben.

Mit 65 Jahren:

Wer zu diesem Augenblick erst beginnt, dem muss das Glück wohl gesonnen sein. Denn viel Handlungsspielraum hat der Inhaber nicht mehr zur Verfügung. Der Generationswechsel wird im Betrieb in aller Munde sein, was dem Inhaber vielleicht persönlich stört, da ein Ablöseprozess häufig mit Verlustangst einhergeht. Wenn etwas bei der Übergabe schief gehen sollte, gibt es kaum noch Möglichkeit zur Korrektur. „Spätestens ab jetzt läuft dem Unternehmer die Zeit davon.“

Mit 70 Jahren:

Ab diesem Moment sind alle Beteiligten zufrieden, wenn die Nachfolge gelaufen ist. Der ehemalige Besitzer jedoch ist alles andere als erfreut, da er kaum mehr Wahl hatte und sich für die erst beste Alternative entscheiden musste. Von Handlungsspielraum kann keine Rede mehr sein.

Aus dieser Auflistung lässt sich deutlich die Notwendigkeit eines zeitigen und tiefergehenden Plans für die Übernahme, ganz gleich ob familiär oder extern, erkennen. Natürlich will sich keiner in der Blütezeit seines Lebens mit dem Sterben oder schlimmen Krankheiten auseinandersetzen, doch wer sein Unternehmen liebt, sollte auch in diesem Sinne handeln. Jeder muss sich eigentlich vor Augen führen, dass fehlende Regelungen ein Unternehmen in den Ruin treiben kann, da keine Firma ohne Führung auf Dauer lebensfähig ist. Schackmann (2003, S.35-36) schreibt dazu: „Ein verantwortungsvoller Unternehmer sieht für sich eine Fürsorgepflicht und regelt seine Angelegenheiten so, dass sein Ende nicht das Ende eines Unternehmens zur Folge hat (…).

Comments are closed.