Archiv für 31. Juli 2012

Lieber angestellt als angetreten

Familienunternehmen sterben aus, weil immer weniger Studenten die Nachfolge ihrer Eltern anstreben

Die Ergebnisse einer Studie des Center for Family Business der Universität St. Gallen (CFB-HSG), die in Kooperation mit der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young* durchgeführt wurde, sind alarmierend für die mittelständischen Unternehmen.

Es wurden mehr als 28.000 Studenten aus 26 Ländern befragt, deren Eltern ein Familienunternehmen führen. Nur vier Prozent der deutschen Studentenschaft kann sich vorstellt direkt nach dem Studium die Nachfolge anzutreten. Hingegen 74% wollen dies in keinem Fall.

Selbstfindung heißt Unabhängigkeit gegenüber der Eltern

Die Firma als Generationenprojekt zu sehen, ist längst nicht mehr up-to-date. Der Trend heißt Individualität. Anstelle im elterlichen Betrieb zu arbeiten oder ihn sogar zu übernehmen, strebt der Großteil der Unternehmerkinder (76%) nach einer Karriere als Angestellter. Obgleich mehr als die Hälfte aller deutschen Unternehmerkinder berufspraktische Erfahrungen und spezifische Fertigkeiten im Elternbetrieb gesammelt haben, nutzen sie lieber die beruflichen Alternativen im externen Umfeld, um sich unabhängig von der elterlichen Aufsicht auszuprobieren und sich ihrer Leistung bewusst zu werden.

Eltern können den richtigen Anstoß geben

Mit rationalen Argumenten allerdings haben es Eltern nicht leicht: Eine intensive Auseinandersetzung mit einer möglichen Unternehmensnachfolge finde unter deutschen Unternehmerkindern nur selten statt. Auf einer Skala von 0 („ich habe mich nie mit einer Nachfolge beschäftigt“) bis 7 („ich habe bereits die Unternehmensführung übernommen“) liegt Deutschland lediglich bei einem Wert von 0,96 (globaler Durchschnitt: 1,02).

Die jetzige Generation der Unternehmensführung kann lediglich die Idee wiederholt ins Gedächtnis der Kinder rufen, ein positives Rollenmodell von Unternehmertum vorleben und die positive Unterstützung im Falle einer familiären Unternehmensnachfolge signalisieren.

Die Dosis macht das Gift: Druck ist kontraproduktiv

Jedoch zu stark sollten Eltern ihre Kinder nicht zur Unternehmensnachfolge drängen. Vor allem sehr selbstbewusste und qualifizierte Kinder wollten sich zunächst frei vom elterlichen Umfeld beweisen, indem sie beispielsweise ein eigenes Unternehmen gründen. Eltern könnten zu einer solchen Selbstfindungsphase wichtigen Beistand leisten, indem sie bei der Ideenfindung helfen sowie Ressourcen wie Kontakte oder Tipps zur Unternehmensführung zur Verfügung stellen.

Das „Kind“ extern suchen

Natürlich gibt es auch passende Nachfolger außerhalb der eigenen Familie. Laut Studie des CFB-HSG seien langfristig erfolgreich aber vor allem diejenigen Unternehmen, in denen sich mehrere Generationen für die Entwicklung verantwortlich fühlen.

In jedem Fall beeinträchtigt eine ungeklärte Nachfolge die Leistungsfähigkeit von Unternehmen erheblich. Daher sollte insbesondere darauf geachtet werden zur rechten Zeit einen passenden Unternehmensnachfolger für das über Generationen aufgebaute Familienunternehmen zu finden. Wenn nicht innerhalb dann eben außerhalb der Familie.

*edit 18.09.2014: Der Link zu den Studien ist inzwischen leider nicht mehr verfügbar.

Wenn nicht jetzt? Wann dann?

Förderdarlehen sind auf selten niedrigem Zinsniveau.

Ein Unternehmen ist jeden Tag aufs Neue auf den Prüfstand gestellt und muss sich darum kümmern wettbewerbsfähig zu bleiben, weitere Marktanteile zu gewinnen und neue Investitionen zu tätigen. Doch wie finanziert man das am besten alles? Hilfreich hierfür sind die momentan günstigen Zinssätze für Unternehmerkredite und Förderdarlehen. Ein beispielhaftes Programm der KfW-Banken (KfW -Kreditanstalt für Wiederaufbau: Förderbank der deutschen Wirtschaft und Entwicklungsbank für die Transformations- und Entwicklungsländer) ist das „Unternehmerkredit–Fremdkapital“ mit 1% effektivem Zins pro Jahr in der günstigsten Preisklasse, bei einer Auszahlung von 100% des Kreditbetrags. Die Zinsbindung ist von zwei bis zwanzig Jahren wählbar.

Finanziert werden vor allem Investitionen in Gebäude; Grundstücke oder Baumaßnahmen, Betriebs- und Geschäftsausstattung, Übernahmen, Maschinen, Anlagen oder Einrichtungsgegenstände, Firmenfahrzeuge.

Wer also über einen Firmenkauf oder eine Unternehmensnachfolge nachdenkt, der sollte dies am besten in naher Zukunft anpacken. Bis zu vier bzw. zehn Millionen Euro pro Geschäftsvorhaben können Unternehmer von der KfW in Form eines Förderdarlehens erhalten. Diese Angebote gelten übrigens ebenso für Investitionen im Ausland.

Wer völlig unbekannte Märkte erschließen will oder erstmalig als Unternehmensnachfolger fungiert und dafür Förderdarlehen beantragt oder neue Produktionsmethoden einführt, greift zu diesem Zweck meist ein- oder mehrmalig für eine bestimmte Dauer auf einen externen Berater zurück. Die gute Nachricht ist, dass auch diese Dienstleistungen über den Unternehmerkredit abgedeckt werden können.

Migranten als Unternehmensnachfolger

Bei Unternehmensnachfolgen im deutschen Mittelstand kommt es häufig zu Schwierigkeiten. Laut einer Studie diverser Berliner Hochschulen und der Erfahrungen der Ecovis Steuerberatungsgesellschaft, bieten hochqualifizierte Migranten eine oft unterschätzte Lösung auf das Problem der fehlenden Firmennachfolger.

Sushi vom Japaner, Asiapfanne vom Chinesen und Döner vom Türken – Bestandteile des ganz normalen Speisealltags in Deutschland. Wir vertrauen unseren ausländischen Mitbürgern völlig bei der Zubereitung unserer Nahrung, jedoch bei einem wichtigen Aspekt der deutschen Wirtschaft beachten wir unsere Migranten zu wenig und verschenken somit wertvolles Potential: die Unternehmensnachfolge von mittelständischen Familienunternehmen.

Einen potenziellen Ausweg zeigt die Studie „MiNa – Potenzialanalyse von Migranten zur Lösung der Unternehmensnachfolgen im deutschen Mittelstand“ auf. Diese Studie ist vom Institut für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) initiiert worden. Partner für das erste Forschungsprojekt dieser Art waren die Alice-Salomon Hochschule Berlin (AHS) und der Rechtsanwalt Dr. Rolf Rahm von Ecovis in Berlin.

Unternehmer mit Migrationshintergrund wählen lieber den Weg der Neugründung statt des Firmenkaufs, da Mittelstandsunternehmen auf sie häufig nur schwer zugänglich erscheinen. Laut Studie wählen lediglich vier Prozent der Migranten, die sich selbstständig machen, den Weg der Unternehmensnachfolge. Oft entstehen auf beiden Seiten Vorbehalte durch mangelndes Wissen über die Voraussetzung einer Übernahme und die Abläufe der Verhandlung sowie fehlendes Vertrauen. Die Bindung an die jeweilige nationale Vertrauenskultur ist verständlicherweise sehr groß. Um eine Tradition des Vertrauens nationsübergreifen entstehen zu lassen, ist viel Bedarf an Informationen und individueller Beratung von Nöten.

Die Potenzialanalyse MiNa kommt hier für zu drei Empfehlungen: Die Prozesse der Nachfolge müssen optimiert, das Wissen über Möglichkeiten und Bedingungen der Unternehmensnachfolge verbessert und die Interkulturalität als Ressource gezielt genutzt werden.

Ob dies früh genug geschieht und die bis 2014 schätzungsweise anstehenden 110.000 Übergaben bei mittleren Unternehmen verstärkt durch Migranten erfolgen, bleibt abzuwarten. Fakt ist Unternehmensinhaber sollten den Kreis der potentiellen Nachfolger nicht zu früh einschränken. Ihr perfekter Nachfolger ist möglicherweise weiblich und spricht neben fließend deutsch eine andere Muttersprache.